
Liebe Dakini-Freunde,
das „Wichtigste“ vorweg: meine nächste Reise nach Nepal ist für Mitte Dezember geplant und ich möchte bitten, Briefe für Ihre Patenkinder bis zum 7.12. abzuschicken und Geld-überweisungen (Sonderzahlungen, Taschengelder etc.) Anfang Dezember zu tätigen.
Ein herzliches Dankeschön an alle Paten, die so freundlich waren, auf meiner Bitte nach adressierten Umschlägen bzw. Adressaufklebern nach zu kommen! Manche Kuverts waren sogar frankiert! Ihre Unterstützung brachte mir eine große Erleichterung.
Mein Sommeraufenthalt war geprägt von den Vorbereitungen der Nonnentour, die in der nächsten Woche in Schloss Altenburg bei Rosenheim beginnt. – Sechs Kopan-Nonnen werden drei Monate durch Deutschland und Holland touren um Sandmandalas zu streuen, Chamtänze (rituelle Maskentänze) zu zeigen, vom Klosterleben zu berichten und auf die politische Situation Tibets aufmerksam zu machen. – Zunächst ging es um die Beschaffung des Visums an der deutschen Botschaft. Beim dritten Anlauf schafften wir es, nachdem wir einige Hindernisse zu überwinden hatten. Mit unserer Oberin Ani Jangsem ging es dann einige Tage zum Großeinkauf nach Kathmandu, damit die Nonnen schöne bunte Decken, aus Tibet, Pashminaschals und hübsche Schmuckstücke mitbringen können. Wenn Sie darauf neugierig sind, kommen Sie doch zu einer der Vorstellungen der Nonnen und lassen Sie sich den Anblick eines Sandmandalas nicht entgehen! Den Tourneeplan finden Sie auf unserer Website www.dakini-netzwerk.de.
Großeinkäufe mussten auch wegen des anstehenden Besuchs von 200 Nonnen aus Indien getätigt werden, denn in diesem Jahr findet der Debattierwettbewerb der tibetischen Nonnen im Kopan-Nunnery statt. Riesige Töpfe, Unmengen von Thermoskannen und Küchenutensilien wurden in den Jeep gestopft, so dass wir kaum noch Platz zum Sitzen finden konnten. Bis zum Beginn der berühmten „Winterdebatte“ Ende September soll auch die untere Etage des Neubaus des Klosters fertig gestellt werden. In der riesigen Debattierhalle sollen die besten Studentinnen in einem vehementen Streitgespräch gegen einander antreten. Die Nonnen werden auch auf ihrer Tournee eine solche Debatte präsentieren, damit Sie sich ein Bild von dieser dynamischen Auseinandersetzung machen können, die auch den Körper ganz stark einbezieht.
Mitte August wurde im Gemeindehaus in Boudhanath wieder eine drei Tage dauernde Gebetsfeier angehalten, um für das lange Leben S.H. des Dalai Lama zu beten. Das tibetische Staatsorakel hatte diese Aktion empfohlen. Es war ein Anlass für die tibetische Exilgemeinde, sich zusammen zu finden und sich gegenseitig und im Gebet zu stärken. Denn nach wie vor geht bei den Tibetern in Nepal die Angst um. Die Maos benützen vorzugsweise tibetische Räumlichkeiten, um sich zu streng geheimen Meetings zurück zu ziehen. Sie üben dadurch psychisch einen enormen Druck aus. Niemand weiß, was beraten und beschlossen wird.
Insgesamt ist die politische Situation in Nepal instabil und unberechenbar. Indien fürchtet, seine Vormachtstellung zu verlieren und China benützt die Maos, um seine Interessen durchzusetzen. Sie pumpen tüchtig Geld in das Land, um Sympathien zu gewinnen. So mancher Nepali schlägt sich aus Antipathie gegen Indien auf die Seite Chinas. Die neu erworbene Redefreiheit wird nicht selten als Mittel der Diffamierung von Gegnern und Anders denkenden eingesetzt und es besteht die Gefahr einer Zersplitterung in miteinander rivalisierende Volksgruppen und Religionsgemeinschaften. Ein privater Fernsehsender beschuldigte z.B. ein großes Kloster in Namobuddha, Waffen zu verstecken, nachdem bei den Maos ein illegales Waffenlager entdeckt worden war. Die Klöster gerieten insgesamt in den Brennpunkt harscher Kritik, ja Verleumdung. Der Sender sollte deshalb zur Rechenschaft gezogen werden, doch die bösen Anschuldigungen waren nun mal in die Welt gesetzt. - Die öffentliche Anerkennung der Hilfe der tibetischen Frauenorganisation für die nepalesischen Durchfallopfer an der Peripherie des Landes in der Presse weckte dagegen Hoffnung. Es gibt in Nepal auch eine Schicht reicher Investoren, die auf eine strahlende Zukunft setzen, Kaufhäuser im westlichen Stil errichten und mit einer Million Besucher im Jahr 2011 rechnen. Dem steht die Masse der die arbeitslosen, kranken Menschen gegenüber, die sich Nahrungsmittel wegen der brutal steigenden Preise nicht mehr leisten können, weil die Subventionen zurück gezogen wurden.
Ich möchte mich jetzt lieber von der widersprüchlichen Menschenwelt den Tieren zuwenden, denn da gibt es einiges Erfreuliches zu berichten. Zum einen war das „Retten der Fische“ ein Höhepunkt meines Aufenthalts. Wir erstanden am Kalamatichok, dem großen Lebensmittel- markt in Kathmandu, 80 kg lebende Fische , die eigentlich für die Bratpfanne bestimmt waren. – Entsprechend der buddhistischen Tradition wollten wir Leben retten, um Verdienste zu erwerben (positive Energien erzeugen) und sie dem langen Leben unserer spiritueller Lehrer zu widmen. – Wir packten die Fische also in Styroporbehälter mit nicht zu viel Wasser, damit wir die Kisten gerade noch heben konnten und fuhren im Eiltempo – soweit es der dichte Verkehr in Kathmandu zuließ – zum Rani Pokhara (dem „See der Königin“) mitten in der Stadt, wo nicht geangelt werden darf. Dort versorgten wir zunächst unsere Fische mit hinreichend Wasser, besorgten Fischfutter für die bereits vorhandenen Artgenossen, damit sie die Neulinge in Ruhe ließen und nicht attackierten. Dann übergaben wir unsere Fische, die in den Transportbehältern bislang in Todesängsten um sich geschlagen und dann in Resignation erstarrt waren, unter Gebeten dem Wasser, der Freiheit, einem zweiten Leben. Es war ein Hochgefühl, sie abtauchen und dann wild auseinander stoben zu sehen!
Im Kloster Kopan gibt es übrigens seit ein paar Jahren ein „Tierparadies“. Dort werden Tiere, die zum Schlachten bestimmt waren und frei gekauft wurden, aufgenommen und versorgt. Auch altersschwache und kranke Tiere finden dort eine Heimat und werden gepflegt. Eine der ersten Bewohnerinnen in diesem Tierhimmel war Shanti, eine Ziege die Ulrich, Sabine und ich 2007 zur Feier des neuen Jahres gerettet haben. Heute leben 10 Ziegen auf dem Gelände, 8 davon sind trächtig und eine hat 2 Junge geworfen, während ich da war. Es war ein großes Ereignis für die kleinen und großen Nonnen! Wir konnten uns gar nicht satt sehen an den süßen Kleinen, die unbeholfen durch die Welt staksten und noch nicht einmal das Euter der Mutter so richtig finden konnten.
Was den Gesundheitszustand von Nonnen und Mönchen betrifft, gibt es auch z.T. gute Neuigkeiten. Der Gehirntumor der jungen Nonne (wie letztes Mal berichtet) wurde erfolgreich operiert und sie setzt jetzt beschwerdefrei und überglücklich ihr Studium fort. Der Magentumor von Geshe Jampa hat sich als gutartig und nicht operationsbedürftig herausgestellt. Leider hat sich die Lymphknotentuberkulose von Ani Choekyi nicht eindämmen lassen,. Sie produziert trotz der einschlägigen Behandlung ständig neue tuberkulöse Abszesse im Halsbereich. Es handelt sich bei ihr offensichtlich um einen multiresistenten Tuberkelbazillus. Ein ebenso dramatischer Fall von Tuberkulose begegnete mir in Gestalt von Namdröl, der Schwester von Kelsang, einem Lehrer der Klosterschule. Namdröl bekam vor einem Jahr während ihrer Ausbildung zur Krankenschwester in Südindien nach einer schweren Lungentuberkulose einen Rückfall, der aber zu spät erkannt wurde. Als die Diagnose gestellt wurde, war lag bereits eine Tuberkulose im dritten (organdestruktiven) Stadium vor. Die Eltern mussten ihre Tochter zu sich nach Kathmandu holen und die Mutter gab ihre Stelle als Lehrerin auf, um sie zu pflegen. Namdröl ist auf 28 kg abgemagert und besteht nur noch aus Haut und Knochen. Sie kann sich kaum auf den Beinen halten. Sie muss täglich gespritzt werden (die Einstichstellen schmerzen furchtbar!), bis der Speicheltest negativ ausfällt. Die Familie hat für die Behandlung alle finanziellen Reserven aufgebraucht, die ganze Großfamilie hat Geld zusammengelegt und der Bruder Kelsang hat sein Jahresgehalt im Kloster als Vorschuss genommen, damit die Behandlung der Schwester fortgesetzt werden kann. – Dank der großzügigen freien Spenden in unserem Etat konnten wir der Familie als Notfall unter die Arme greifen. Wir suchen jetzt aber einen Paten, der Namdröls Behandlungskosten von € 120,- pro Monat übernehmen kann, bis sie auskuriert ist. Natürlich können sich auch mehrere Paten diesen Betrag teilen.
Mit dieser traurigen Geschichte möchte ich meinen Bericht enden und hoffe, dass wir gemeinsam eine Lösung finden können.
Nochmals ein herzliches Dankeschön an alle Paten! – Wir haben im Nunnery wieder eine Tarapuja gemacht und um Glück und Segen für alle Dakas und Dakinis (männliche und weibliche Sponsoren der Dakini-Familie) gebetet. Mögen unsere guten Wünsche in Erfüllung gehen!
Ich wünsche Ihnen einen sonnig warmen Altweibersommer voll Farbenpracht und einer reichen Ernte
Ihre Eva Kuczewski-Anderson
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