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Weihnachtsbericht  2009/2010

 

Ich hatte bei der letzten Reise viel Glück: Trotz heftigen Wintereinbruchs mit Eis und Schnee schaffte ich es rechtzeitig zum Abflug und ich kam am Abend vor dem 72-stündigen Generalstreik – das bedeutet kein Autoverkehr auf den Straßen – an. Bei meiner Rückkehr schafften wir es trotz schneeverwehter Straßen ohne Zwischenfälle und Staus zurück nach Würzburg. Den mutigen, einsatzfreudigen Fahrerinnen sei tausend Dank!

 

Die ersten drei Tage in Kathmandu war ich wegen des Streiks mehr oder weniger zur Untätigkeit gezwungen. Wir konnten zwar auf den verkehrsberuhigten Straßen gemütlich nach Boudhanath spazieren und den Stupa umrunden. Die Geschäfte waren geschlossen Und wir bekamen nichts von den Tumulten auf der Ringroad mit, wo Demonstranten Fahrzeuge demolierten und Reifen verbrannten.

 

Die Maoisten halten die Bevölkerung mit unrealistischen Versprechungen - wie „Vereinbarungen mit der Regierung Vollbeschäftigung und gerechte Löhne bei eingeschränkten Arbeitszeiten“ - und durch Drohungen in Schach. Sie werden vom chinesischen Regime unterstützt bzw. finanziert. China macht seinen Einfluss im öffentlichen Bereich zunehmend geltend. Der Ausbau der Infrastruktur, das Gesundheitswesen, Bildung und der Arbeitsmarkt werden weitgehend von China bestimmt. Fördergelder fließen reichlich, zugleich wird aber auch die Kontrolle über die jeweiligen Bereiche übernommen. Der Hass gegen Indien wird mit dem Hinweis auf „ nationale Eigenständigkeit und Unabhängigkeit von Fremdmächten“ geschürt und die Regierung beschuldigt, „eine Marionette Indiens“ zu  sein. Zugleich wird der Föderalismus - das Selbstbewusstsein und die Selbstbestimmung der Stämme- mit Gewalt gefordert und gefördert. Dadurch wird der Zusammenhalt des nepalesischen Staates geschwächt und die Differenzen zwischen den Bevölkerungsgruppen spitzen sich zu. Der Einfluss der Regierung wird durch diese Aktionen beeinträchtigt. Beeindruckend ist der Bau einer riesigen Verbindungsstraße zwischen der chinesisch-nepalesischen (sprich: tibetischen) Grenze und Kathmandu. Sie soll natürlich nur einer florierenden Handelsbeziehung dienen, wird gesagt. Wann wird Nepal offiziell eine Provinz Chinas sein, frage ich mich? Die Propagandamaschine mit Täuschen und Tricksen läuft auf Hochtouren.

 

Die Grenze zu Tibet ist nach wie vor dicht, auch wenn sich zurzeit ca. 90 Tibeter im TRC (Tibetan Reception Center)  aufhalten. Jeden Tag erscheinen kleine Gruppen von Neuankömmlingen und einmal in der Woche werden sie in Bussen mit 30-40 Personen nach Indien weiter transportiert. Viele von ihnen haben chinesische Pässe, die sie zu horrenden Preisen erstanden haben und in denen kein indischer Stempel vorhanden sein darf, damit sie nach ihrer Rückkehr nach Tibet keine Schwierigkeiten bekommen. Sie alle wollten nach Bodhgaya, wo S.H. der Dalai Lama vom 4. -9. Januar Belehrungen gab. Sie wollen ihn wenigstens einmal in ihrem Leben sehen! Manche von den Tibetern bleiben auch in Indien, um eine neue Existenz in Freiheit aufzubauen und ihren Kindern eine Erziehung im Geiste des Buddhismus und der tibetischen Tradition angedeihen zu lassen.

 

Bodhgaya war auch das Ziel unserer Mönche und Nonnen und einer Vielzahl von Tibeterinnen und Tibetern, die in Nepal leben. Am Abend es ersten Tages des neuen Jahres  - am Ende eines neuerlichen Streiktages – leerte sich das Kloster dramatisch. 16 große Reisebusse setzten sich vom Nunnery aus in Richtung Indien in Bewegung, nur ganz wenige blieben zurück.

 

Ich muss deshalb um Nachsicht bitten, dass ich nicht alle Patenkinder rechtzeitig vor ihrer Abreise kontaktieren konnte, denn die erste Streikperiode zögerte den Erhalt der Spendengelder um eine halbe Woche hinaus und als sie endlich verteilt werden konnten waren viele Tibeter schon aufgebrochen.

 

Weil die Situation unbefriedigend ist und weil wir alle – unser Schatzmeister, unsere Oberin Ani Jangsem und unser Klinikchef Sangye Tenzin - einschließlich meiner eigenen Person – am Rande unserer Belastbarkeit angekommen sind – möchten wir vor Ort jemanden einsetzen, der sich um die Patenschaften kümmert, für die Kommunikation zwischen Patenkindern und Sponsoren sorgt und uns dadurch entlastet. Wir Ehrenamtlichen werden durch die Supervision mit Sicherheit ausgelastet sein.

 

Ein besonderer Belastungsfaktor war bei diesem Besuch im Kloster Kopan war der Ansturm von Besuchergruppen aus Singapur und Malaysia, denen der Neubau des Nunnery weitgehend zu verdanken ist und die deshalb einen entsprechenden Service von Seiten unserer Oberin Ani Jangsem erwarten durften. Es gab sehr interessante Begegnungen mit den asiatischen Freunden, z.B. mit einem jungen Rinpoche namens Kusang Dorjee aus Singapur. Er wurde in Sikkim geboren, wuchs aber bei seinem Großvater – ebenfalls einer anerkannten Wiedergeburt – in einem Kloster in Tibet auf. Mit 9 Jahren wurde er in eine Höhle im Himalaya geschickt, um dort 3 Jahre lang ohne Essen und Trinken zu meditieren. Seine einzige „Nahrungszufuhr“ sollten heilige Pillen sein. Nach 3 Monaten brach der Junge das Retreat ab und lief zurück zum Kloster, wo er dann bis zum Alter von 17 Jahren blieb, um eine klassische monastische Ausbildung zu erhalten. Dann legte er sehr zum Ärgernis des Großvaters seine Roben ab und schloss sich seinen Eltern an, die inzwischen in Singapur leben. Jetzt reist er mit seinen 19 Jahren durch Asien, um zu lehren. Gerade bei jungen Menschen kommt er ungeheuer gut an. Seine für einen tibetischen Lama unkonventionelle Erscheinung gleicht einem ganz normalen „Teeny“ aus dem Westen. Er kann aber überzeugend ganz wundersame Geschichten erzählen und seine Persönlichkeit berührte mich tief.

 

Ein gesellschaftlicher und spiritueller Höhepunkten war die Essenseinladung ins „Yak und Yeti“, dem  ältesten und einem der nobelsten Hotels in Kathmandu von Geshe Tenzin Sopa, dem Herzenssohn des früheren Lama Kunchok und dem Verantwortlichen für seine Wiedergeburt Tenzin Phuntsok Rinpoche. Weitere erwähnenswerte Erlebnisse waren die Pilgerfahrten nach Parping, wo sich eine grüne Tara aus dem Felsen herausbildet und wo Guru Rinpoche und Vajrayogini Heiligtümer haben. Auch Namobuddha besuchten wir, wo Buddha in einem früheren Leben seinen Körper einer verhungernden Tigerin  mit ihren Jungen geopfert hat. An diesen heiligen Orten und am Stupa von Boudhanath ließen wir in den höchsten Höhen Gebetsfahnen anbringen, um Bitten um Glück und Segen für alle Wesen, besonders aber auch der Sponsoren des Dakini-Netzwerks, von den Winden gegen Himmel tragen zu lassen.

 

Auch unsere traditionelle Jahrespuja wurde im Nunnery in Auftrag gegeben. Die Nonnen wurden gebeten, für alle Förderer des Dakini-Netzwerks zu beten, damit dieses Jahr  erfolgsreich werde und ihre Wünsche erfüllt würden. – Sie dürfen für dieses Jahr also einiges Gutes erwarten.

 

Ich möchte Ihnen im Namen aller Patenkinder ganz herzlich für Ihre großzügigen Spenden danken, die in vielen Notsituationen Hilfe bringen, jungen Menschen eine solide Ausbildung ermöglichen und hoffentlich für Ihr Leben eine Bereicherung bringen, wie z.B. die liebevolle Verbundenheit mit Menschen in einem exotischen, notleidenden und faszinierenden Landes.

 

Meine nächste Nepalreise ist für Mitte Mai geplant. Ich möchte Sie deshalb bitte, mir Briefe für Ihre Patenkinder bis Anfang Mai zukommen zu lassen und ggf. Geldüberweisungen noch vor Ende April zu tätigen. Ich möchte Sie bitte, von Geschenken (Spielzeug etc.)abzusehen und lieber etwas Geld in den Umschlag zu tun, damit sich die Patenkinder selbst besorgen können, was sie möchten und brauchen und was ihrer Lebenssituation angemessen ist. Leider kommt es sonst auf Seiten der liebevollen Paten gelegentlich zu Enttäuschungen... Eine einschneidende Veränderung in meinem Leben möchte ich Ihnen an dieser Stelle gleich ankündigen: Ich werde Ende März zu meinem Mann nach Hamburg ziehe. Die Mail-Adresse für das Dakini-Netzwerk wird gleich bleiben, aber Anschrift und Telefonnummer verändern sich. Ich werde Ihnen die neuen Daten zur gegebenen Zeit bekannt geben.

Mit allen guten Wünschen für dieses Jahr 

Ihre Eva Anderson

 

  

 

 
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