
Der Weg zum inneren Frieden
Eine Reise nach Nepal und ins eigene Ich
Im Kloster Kopan in der Nähe von Kathmandu kann man die Meditation erlernen und trifft Menschen auf der Suche nach Sinn
Wer Nepal besucht, sieht vom
Flugzeug aus zuerst die beeindruckenden
Gipfel des Himalaya.
Friedlich und ruhig
schauen sie aus den Wolken hervor. Doch
mit der Ruhe ist es schnell vorbei, sobald
man auf die Straßen Kathmandus tritt: Dass
in Nepal Linksverkehr herrscht ist nicht so irritierend
wie die Tatsache, dass es zwar Verkehrsregeln
gibt, die allerdings niemand beachtet.
Wahrscheinlich kennt sie sowieso
keiner, denn kaum ein Fahrer hat einen Führerschein.
Die einzige Ampel in der Hauptstadt wird
aus Mangel an Strom nie angeschaltet, außerdem
befinden sich neben Autos, kleinen
und großen Bussen, quietschbunt bemalten
Lastwagen und Fußgängern auch regelmäßig
Kühe auf der Fahrbahn. Die Wege abseits der
Hauptstraßen würden in Deutschland nicht
einmal als Feldwege durchgehen, wegen des
Staubs und des Smogs tragen viele Fußgänger
einen Mundschutz.
Ein Stück außerhalb von Kathmandu, auf
einem Berg des Vorortes Boudha, kann man
plötzlich wieder durchatmen: Ein freundlich
lächelnder Nepalese öffnet das Tor zum buddhistischen
Kopan-Kloster, Mönche in roten
Roben gehen in den bunten Tempel zur Puja,
vergleichbar mit der christlichen Andacht.
Der Blick reicht über grüne Hügel und Felder
bis zur Stupa (Heiligtum) von Boudha, die
eines der bekanntesten Ziele buddhistischer
Pilger in Nepal ist. Die Nepalesen sind mehrheitlich
Hindus, doch nahe der Grenze zu
Tibet leben viele Buddhisten. Die Klöster im
Kathmandu-Tal sind für Nonnen und Mönche
eine Anlaufstelle.
Der Abt des Klosters Kopan ist der 70-jährige
Lama Lhundrup. Er lebt wie alle 360
Mönche und auch die 370 Nonnen des Frauenklosters,
das etwas unterhalb am Berg
liegt, sehr einfach. „Europa oder die USA
haben sich gut entwickelt, doch viele haben
trotz Auto, Fernseher und viel Geld die Sehnsucht
nach Frieden“, weiß Lama Lhundrup.
Den inneren Frieden können die Gäste aus
dem Westen im Kloster lernen. Für einen
nach deutschen Maßstäben geringen Betrag
werden sie beherbergt und verpflegt und
erhalten eine Einführung in die Meditation.
Wer die – am besten täglich – praktiziert, der
wird ruhiger und erreicht leichter seine Ziele.
Im Buddhismus ist es wichtig,
Mitgefühl und
ein gutes Herz zu entwickeln.“Lama Lhundrup,
Abt des Klosters Kopan
„Im Buddhismus ist es wichtig, Mitgefühl
und ein gutes Herz zu entwickeln. Doch das
geht nicht von selbst“, erklärt der Abt. „Negative
Gedanken und Handeln bringen negative
Folgen. Wir sollten keine Zeit damit verschwenden,
über Politiker und Bänker zu
schimpfen sondern die Zeit lieber nutzen,
um selbst etwas Gutes zu entwickeln. In allen
Religionen ist doch der Frieden das Ziel und
der kommt nur durch Mitgefühl und Respekt
anderen gegenüber zustande.“
Die Lehrer des Dharma – der von Buddha
verkündeten Daseinsgesetze – wird nicht nur
den Touristen, sondern hauptsächlich den
jungen Mönchen, die in Kopan leben, beigebracht.
Viele stammen aus kleinen Bergdörfern.
Dort sind die Leute arm, gute Bildungschancen
sind kaum vorhanden. Für sie ist es
Tradition, ein Kind aus der Familie ins Kloster
zu schicken. Oft kommen sie mit etwa
sechs bis sieben Jahren dorthin.
Tashi Dhondup ist seit drei Jahren der Leiter
der klostereigenen Schule mit 300 Schülern.
„Um 5.30 Uhr stehen sie auf, danach ist
eine Stunde Puja. Dann lernen sie buddhistische
Texte auf Tibetisch auswendig. Von 9.45
bis 15.45 Uhr ist Unterricht“, erzählt der
Schulleiter. Sie lernen neben Dharma auch
Lesen und Schreiben, Sprachen, Naturwissenschaften
und den Umgang mit Computern.
„Heutzutage ist es wichtig, dass unsere
Mönche nicht völlig weltfremd sind, deshalb
bekommen sie hier eine gute Allgemeinbildung“,
so Tashi Dhondup.
So können sich die Mönche später auch in
einem Leben außerhalb des Klosters zurechtfinden.
Wer als Erwachsener kein Mönch
mehr sein oder gar heiraten möchte, der
kann gehen und ein normales Leben führen.
Einige entscheiden sich aber bewusst für das
Kloster.
So wie der 32-jährige Nyima, der mit 15
Jahren Mönch wurde: „Ich war schon immer
begeistert davon, wie die Mönche in Tibet allen
geholfen haben.“ Nach seiner Flucht aus
Tibet und einem Aufenthalt in Indien kam er
nach Kopan. Hier ist er für den Tempel verantwortlich,
er öffnet ihn früh morgens zur
Puja, füllt die Opferschalen mit Wasser, zündet
Räucherstäbchen an und säubert den
Tempel nach dem Gebet. Außerdem meditiert
er für das Wohl anderer Menschen und
führt mit den Mönchen die Pujas durch. Sie
rezitieren dabei tibetische Texte, nach einiger
Zeit klingt das fast wie Gesang, dazwischen
werden die Trommeln geschlagen und
Blasinstrumente erklingen. Alle bekommen
Milchtee und süßen Reis oder Brot.
Zwar versteht kaum ein westlicher Besucher,
der im Schneidersitz auf den roten Polstern
am Boden sitzt, die Texte, doch die Wirkung
ist erstaunlich: Langsam und fast unmerklich
entspannen sich zuerst die Muskeln,
dann ziehen die Gedanken einfach vorbei.
Der Geist leert sich. Wenn man wieder
aus dem Tempel tritt hat man das Gefühl,
dass die Mönche die Meditation für alle mit
erledigt hätten.
In Kopan mischen sich unter die Tibeter
und Nepalesen auch westliche Mönche.
Thupten Tendhar kommt aus Spanien, seinen
weltlichen Namen hat er abgelegt. Der
42-jährige war ein gut bezahlter Filmproduzent.
Trotz eines Lebens im Luxus fühlte er
eine innere Leere, die er nicht füllen konnte.
Er beschäftigte sich immer intensiver mit
dem Buddhismus und fand in Lama Lhundrup
seinen Lehrer. „Viele wollen sich nicht
mit dem Tod beschäftigen, doch im Buddhismus
lernen wir, dass der Geist weiter existiert
und sich weiterentwickeln kann. Ich habe
mich immer gefragt, wo die Liebe bleibt,
wenn ich nur an mich und mein Geld denke.
Dann lernte ich, dass das Universum mir etwas
zurückgibt, wenn ich mein Geld mit anderen
teile. So werde ich irgendwann sogar in
Frieden sterben können“, beschreibt der Spanier
seine Motivation. Nun ist er seit zwei
Monaten Mönch, die anderen unterstützen
ihn und er fühlt sich in Kopan aufgehoben
und glücklich.
Den intensiven Buddhismus lebt auch
Thomas aus Hamburg, allerdings als Laie.
„Ich bin ziellos durchs Leben gegangen und
war unzufrieden“, erzählt der 47-Jährige. Als
sich seine Frau von ihm trennte, wollte er
sein Leben endlich in den Griff bekommen.
Während einer Ausbildung zum Heilpraktiker
erfuhr er zufällig einiges über den Buddhismus
und reiste nach Indien, um mehr
darüber zu lernen. Seitdem war er zwar
immer wieder in Deutschland, die meiste
Zeit verbrachte er aber in Indien und Nepal
in Klöstern.
„Ich habe mich immer gefragt,
wo die Liebe bleibt, wenn ich nur
an mich und mein Geld denke.“Thupten Tendhar,
Spanier, der buddhistischer Mönch wurde
Sehr intensiv lernte er Dharma in einem
einsamen Kloster in den Bergen Indiens:
„Dazu sollst du an einen einsamen Ort gehen,
um den Geist während des Praktizierens
nicht abzulenken“. Ein Schäfer brachte ihm
Wasser, ein Mönch das Essen. Aus geplanten
16 Monaten wurden schließlich vier Jahre. Er
erkannte, dass er viele Dinge, die ihm in
Deutschland wichtig waren, wie etwa eine
teuere Musikanlage, einfach nicht mehr
brauchte. „Im Buddhismus lernte ich, dass
Glück nicht von äußeren Sachen wie einem
Haus oder einem Auto kommt, du musst aus
dir selbst heraus glücklich sein“, so der erfahrene
Laie.
Dreimal pro Jahr besucht Dr. Eva Kuczewski-
Anderson, ehemalige Sprecherin der Tibet-
Initiative Würzburg, das Kloster. Die
Buddhistin ist Vorsitzende des Dakini-Netzwerkes
und sucht Paten und Spender für tibetische
und nepalesische Nonnen, Mönche
und Familien. Die 21-jährige Tenzin Namdol,
die seit zwei Jahren Tuberkulose hat, ist
froh über diese finanzielle Unterstützung,
die ihr ermöglicht, die teuren, überlebenswichtigen
Medikamente kaufen – einer ihrer
Brüder ist bereits an der Krankheit gestorben.
„Wer jemandem so sehr hilft und damit die
Welt ein bisschen besser macht, der praktiziert
den Kern des Buddhismus“, findet ihr
Bruder Kelsang.
So geht jeder auf seine Art mit dieser Religion
um, die ihnen dabei hilft, nicht an
ihrem persönlichen Schicksal zu verzweifeln.
Und sogar in der größten Hektik von Kathmandu
entspannt lächelnd durch den wirren Straßenverkehr zu kommen.
Das Kloster Kopan
liegt am Rande Kathmandus.
Es wurde 1970 von Lama Thubten
Yeshe und Lama Zopa Rinpoche gegründet,
um Schülern aus dem Westen die Möglichkeit
zu bieten, eine fundierte Ausbildung in der
Lehre des tibetischen Buddhismus zu erhalten.
Zugleich ist das Kloster Kopan ein wichtiges
Zentrum für das Studium der buddhistischen
Philosophie für Mönche aus Tibet, Nepal und
Indien.
Es gehört zum Gelugpa- oder Gelbmützenorden
und es ist eines der wichtigsten Lehrzentren
der international anerkannten „Foundation
for the Preservation of Mahayana Tradition“
(FPMT). Wer Grundkenntnisse des
Buddhismus erlangen möchte, kann das am
besten beim Kurs „Discovering Buddhism –
Short Introductory Meditation“ tun.
Alle Informationen gibt es auf
www.kopan-monastery.com
Das Dakini-Netzwerk
organisiert unbürokratisch
Hilfe für die Mönche und Nonnen,
aber auch für andere Tibeter und Nepalesen.
Die Menschen, die unterstützt werden, zum
Beispiel mit Geld für die Schule oder für Medikamente,
werden regelmäßig besucht, die
Spender über den Stand der Dinge unterrichtet.
Infos unter www.dakini-netzwerk.de
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